Jakob Schlaepfer: Stoffwechsel in der Haute Couture

© Alexander Murphy.

Wie die Schweizer Textilmanufaktur Jakob Schlaepfer mit Hightech und Handwerk ein Jahrhunderterbe in die Zukunft führt.

Im neuen Showroom von Jakob Schlaepfer in Paris hauptstadt, in der Rue de Seine und dort im früheren Backoffice der Buchhandlung von Karl Lagerfeld, tritt das 1904 in St. Gallen gegründete Textilunternehmen seit diesem Jahr erstmals aus dem Schatten. Nicht nur die Geschichte von Chanel, sondern die fast aller französischen und italienischen Couture-Häuser ist seit Jahrzehnten mit der Schweizer Manufaktur verwoben. Der „Hidden Champion" der Modegeschichte liefert die Stoffe, aus denen Designer bis heute Kleiderträume erschaffen. Doch die Luxusmode ist ein dominanter Partner, der gern allein im Rampenlicht stehen will – und vom anderen absolute Diskretion erwartet.

„Wir sind lebendiges Kulturerbe der Schweiz – und dürfen nicht aussterben“ -Fridtjof Linde

Um als eigene Marke sichtbarer zu werden, hat Fridtjof Linde, seit gut zweieinhalb Jahren Kreativdirektor bei Jakob Schlaepfer, das textile Savoir-faire auf den Interior-Bereich erweitert, das sich im Showroom in Form von Teppichen, Lampenschirmen, Gardinen, Polsterstoffen und Wandtextilien manifestiert. Inspiriert von der Landschaft rund um den Hausberg Säntis, übersetzt die erste Kollektion mineralische Farben, alpine Natur und Schweizer Handwerkskunst in kunstvolle Layer-Techniken und reliefartige Strukturen.

©Alexander Murphy.
Mit Schere, Hand und Computer: Blick in die Ateliers in St. Gallen, wo die Handwerkerinnen und Handwerker sowie die neuen, digital programmierbaren Strickmaschinen an den Textilinnovationen von morgen arbeiten.© Alexander Murphy.

„Das Ziel ist, dass unsere Expertise als lebendiges Kulturerbe der Schweiz langfristig Anerkennung und Unterstützung findet", erklärt der Lübecker, der seit 28 Jahren als Modedesigner in Paris lebt und über seine Arbeit bei Christian Lacroix erstmals mit Jakob Schlaepfer in Berührung kam. In Cannes hat er gerade die Couture-Kollektion von Caroline Scheufele vorgestellt, Sponsorin des dortigen Filmfestivals, Co-Präsidentin des Schmuck- und Uhrenherstellers Chopard und langjährige Kundin des Hauses.

Kreativdirektor Fridtjof Linde.© Alexandra Catiere.

Was viele heute nicht mehr wissen: Bis zu den Weltkriegen war die Schweiz noch kein Synonym für Banken, Pharmaindustrie und Luxusuhren. Ihr Ruf und Reichtum begann mit dem Export von feinen Textilien, insbesondere der Guipure-Spitze. Dabei handelt es sich um eine reliefartige Spitze ohne Hintergrund, bei der die Motive durch feine Verbindungsfäden zusammengehalten werden. Mit der Erfindung der Schiffli-Stickmaschine im Jahr 1863 begann der kometenhafte Aufstieg St. Gallens zur Welthauptstadt der Stickerei – und damit jener textilen Tradition, aus der Häuser wie Jakob Schlaepfer hervorgingen.

Filmreif aufgespult: Eigens entwickelte Maschinen stanzen Millionen von Paillettenfolien für hochpräzise Couture-Stickereien.© Alexander Murphy.

Etwa fünfzig Mitarbeiter sind heute in den Ateliers in St. Gallen tätig. Seit 2016 gehört Jakob Schlaepfer zur Gruppe Forster Rohner, die von Emanuel und Caroline Forster in vierter Generation geführt wird. Gemeinsam mit der Schwesterfirma Forster Willi zählt Jakob Schlaepfer zu den letzten Häusern, die noch vor Ort produzieren, Maschinen betreiben und textile Innovationen entwickeln. „Wir sind die letzten Dinosaurier einer bis ins Mittelalter reichenden Geschichte", sagt Linde. „Und wir dürfen nicht aussterben."

Was Jakob Schlaepfer stets von allen anderen unterschied, ist eine fast alchemistische Herangehensweise an Textilien. „Schlaepfer ist wahnsinnig begabt darin, Oberflächen neu zu erfinden", erzählt Linde. „Es ging immer um Layering, um neue Strukturen." Eine Guipure-Stickerei zum Beispiel kann überdruckt, erneut bestickt, gelasert, ausgeschnitten, gepresst, mit Federn oder Pailletten versehen werden – ein hochkomplexer Prozess, bei dem Stoffe entstehen, die eine fast schon skulpturale Tiefe entwickeln. Genau diese Verbindung aus technologischer Präzision, Experiment und Handwerk machte das Haus über Jahrzehnte zu einem der wichtigsten Partner der Couture.

Historisch entwickelte Jakob Schlaepfer maschinelle Stickereien, Paillettenoberflächen oder den sogenannten „Memory"-Stoff: feinste Metallfäden, die mit Polyester-Kettfäden verwoben werden und dem Material jene charakteristische plastische Formbarkeit verleihen, die heute weltweit adaptiert wird. „Das ist eine Innovation, die von Schlaepfer ausgegangen ist", sagt Linde über die Experimente mit Edelstahl- und Kupferfäden in den 1990er-Jahren, die vor Kurzem auch in der Haute Couture der Maison Margiela zu sehen war.

©Courtesy Jakob Schlaepfer.

Der Schatz des Hauses ist ein gigantisches Archiv mit rund 80.000 Textilmustern – ein kreativer Kosmos, in den Designer von Amerika bis Asien regelmäßig eintauchen, um sich inspirieren zu lassen. In den 1970er-Jahren fotografierte sogar Helmut Newton die Kollektionen des Hauses, als Jakob Schlaepfer noch offiziell als Zulieferer für Häuser wie Chanel werben durfte. Als Kreativdirektor fragt sich Linde heute: Wie hält man so einen Hidden Champion relevant?

Die Antwort darauf liegt für ihn in konsequenter Innovation – und in der bewussten Erweiterung des Angebots über die klassische Couture hinaus. Daher positioniert sich Jakob Schlaepfer zunehmend als eigenständige Marke und nicht mehr nur als diskreter Zulieferer der Luxusmode. „Es ist heute wichtiger denn je, sichtbar zu sein", so Linde. „Der entscheidende Shift besteht darin, das Mindset zu verändern – weg von der reinen Zulieferer-Perspektive, hin zu einer echten Markenvision." Zwar entwickelt Jakob Schlaepfer bereits seit den 1990er-Jahren Stoffe für Interieurs, doch lange blieb dieser Bereich vertraulich und projektbezogen. Unter Linde erhält er nun eine neue strategische Bedeutung.

© Caroline's Couture.

Das Unternehmen investierte jüngst massiv in neue Technologien – allen voran in einen Park hochentwickelter Strickmaschinen des deutschen Herstellers Stoll. Ursprünglich entstand die Idee aus einem praktischen Problem: Viele Couture-Stoffe basieren auf gewebten Tweeds aus Italien, die in der Schweiz weiterbearbeitet werden. „Wir wollten uns freimachen von der Lieferkette, um schneller auf Anfragen reagieren können", erklärt Linde. Anstatt wochenlang auf Prototypen zu warten, lassen sich mit den neuen Maschinen innerhalb kürzester Zeit eigene Stoffe entwickeln, testen und veredeln. Was dabei wie gewebt aussieht, ist in Wahrheit gestrickt. „Eine typische Schlaepfer-Methode", so Linde. „Maschinen so zu nutzen, wie sie eigentlich gar nicht vorgesehen sind." Gemeinsam mit Stoll experimentierte das Team über ein Jahr lang mit Wolle, Hanf und Leinen, entwarf gestrickte Teppiche mit einer Dichte und Struktur, die vorher nur handgetuftete Modelle erreichten. Das Ergebnis sind textile Objekte irgendwo zwischen Couture, Kunsthandwerk und industrieller Innovation – zu besichtigen seit Kurzem im neuen Fünfsternehotel Huus Quell bei Appenzell, für das Jakob Schlaepfer maßgeschneiderte Wandtextilien, Teppiche, Kunstinstallationen und Vorhänge lieferte, oder im Restaurant The Cloud in der Münchner BMW-Welt, für das sie schwebende Organza-Wolken als Raum- und Lichtskulpturen realisierten.

©Courtesy Jakob Schlaepfer.

In der Verbindung von Hightech und Handarbeit, serieller Produktion und Maßanfertigung sieht Linde die Stärke der Ateliers. Neben maschinellen Stick- und Strickmaschinen sowie Lasercuttern setzt er auch auf traditionelle Handarbeit, etwa in Zusammenarbeit mit indischen Stickateliers. „Wo endet die Perfektion der Maschine – und wo beginnt die Magie der Handarbeit?" fragt er. „Wie führen wir das zu etwas Neuem zusammen?"

Die Interior-Kollektion zeigt exemplarisch, wohin die Reise geht. Die gestrickten, abstrakten Teppiche erinnern an Aubusson-Tapisserien im Zeitalter 3.0., werden maschinell gefertigt und anschließend von Hand weiterbearbeitet. Polsterstoffe, Vorhänge oder Wandtextilien erhalten durch die Applikation von erhitzten oder lasergeschnittenen Pailletten eine reliefartige, fast skulpturale Qualität.

„Unsere DNA: früher als andere, schneller als andere, anders als andere“-Fridtjof Linde

Am Ende geht es für den Kreativdirektor um weit mehr als eine neue Feinstofflichkeit, sondern darum, wie ein traditionsreiches Schweizer Savoir-faire überleben kann. „Früher als andere, schneller als andere, anders als andere" – darin liege seit jeher die eigentliche DNA von Jakob Schlaepfer. Interior könne dabei langfristig zu einem zweiten stabilen Standbein werden. „Die Mode ist extrem kurzlebig", sagt Linde. „Es gibt Saisons, in denen beispielsweise englische Spitze extrem gefragt ist. Wir als Zulieferer stellen uns darauf ein – und danach kommen jahrelang keine Orders mehr für genau diese Optik." Gerade deshalb sieht er im Interior-Bereich die Chance, das Können des Hauses nachhaltiger und sichtbarer zu machen. Für heute und die Zukunft.

jakobschlaepfer.com

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