Bei Tecta heißt es: Neuer Stahl, neues Glück

Der Möbelhersteller Tecta bringt den legendären Bauhaus-Sessel „D4“ neu heraus. Und setzt dabei auf radikale Nachhaltigkeit.
Stahl zu erzeugen, ist eine intensive Angelegenheit. Zunächst muss Eisenerz in gigantischen Hochöfen bei Temperaturen von weit mehr als tausend Grad reduziert und geschmolzen werden. Es entsteht Roheisen, dem dann im Stahlwerk der Kohlenstoff entzogen wird. Übrig bleibt flüssiger Stahl, der zu tonnenschweren Brammen gegossen, danach zu kilometerlangen Stahlbändern ausgewalzt und schließlich zu mächtigen Spulen aufgerollt wird. Schwerindustrie nennt man das Ganze und die Bezeichnung ist auch angebracht.
Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass gerade aus Stahl ein Objekt entstehen kann, das nichts anderes ausstrahlt als pure Leichtigkeit: der Klappsessel „D4 zirkulär", der aus einer Zusammenarbeit des Möbelherstellers Tecta mit der Stiftung Bauhaus Dessau und dem Stahlhersteller Thyssenkrupp hervorgegangen ist. Hier wurde ein legendäres Design von 1927 mit innovativen Technologien und Ideen zusammengebracht, die den Weg in eine nachhaltige Zukunft weisen. Nebenbei zeigt das Projekt auch, dass Fortschritt nicht unbedingt sichtbar sein muss, um zu wirken.

Die Stiftung Bauhaus Dessau gab dabei die Richtung vor. In ihrem Jubiläumsjahr 2025 – das Bauhaus war 100 Jahre zuvor von Weimar nach Dessau umgezogen – rief man dort eine neue Vision radikaler Nachhaltigkeit und sogleich auch ein neues Motto aus: „An die Substanz" sollte es gehen und neue Materialkreisläufe gefunden werden. Doch am Anfang stand das Design, und da setzte man bewusst auf einen Klassiker.
Der ungarisch-amerikanische Architekt und Designer Marcel Breuer (1902–1981), damals Leiter der Möbelwerkstatt am Bauhaus Dessau, hat sich den „D4" (anfangs noch unter dem Kürzel „B4") ausgedacht. In seinem erstem Stahlrohrkatalog von 1926/27 wurde der „zusammenklappbare Klubsessel mit Stoffbespannung" vorgestellt. Schon seinerzeit glänzte er mit seiner federleichten Anmutung: Gerade mal fünf Kilo schwer und 77 Zentimeter breit, war das erste Modell „besonders geeignet" für Schiffe und Sportplätze, für Terrassen, Sommerhäuser, Gärten und Gartencafés, hieß es dort – ein leichter Stuhl für das leichte Leben. Zusammengeklappt war er sogar nur 15 Zentimeter tief und auch die neuartige Funktionsweise wurde erklärt: „Die Stoffarmlehnen spannen sich durch die Körperlast automatisch." Die technische Erfindung wurde 1928 vom Deutschen Reichspatentamt geschützt.

Mit seinem konsequent reduzierten Design war der „D4" auf seine Art nachhaltig, lange bevor dieses Wort in Mode kam. Mitte der 1970er-Jahre entdeckte man beim Möbelhersteller Tecta den Breuer-Entwurf und begann, den „D4" erneut zu produzieren. „Das Auftauchen dieses Sessels ist wie ein längst vergessener Traum", soll Breuer damals an Tecta-Inhaber Axel Bruchhäuser geschrieben haben. Seit 1980 ist sein Klubsessel Teil der ständigen Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Aber welchen Spielraum lässt ein derart reduzierter Entwurf überhaupt noch in Sachen Nachhaltigkeit?
Tecta machte sich gemeinsam mit dem Designer Thomas Schnur daran, den Klassiker nicht optisch, sondern technologisch neu zu erfinden. In so einem Fall kommt man automatisch zurück zum Werkstoff Stahl – und landet unweigerlich bei Thyssenkrupp. Der Konzern, der auf 130 Jahre Firmengeschichte zurückblickt, hat in seiner Anlage in Duisburg ein neues, technologisch anspruchsvolles Verfahren entwickelt, mit dem er einen CO₂-reduzierten Stahl namens Bluemint Steel herstellt. Bei der klassischen Stahlerzeugung werden große Mengen an CO₂ freigesetzt, weil dabei Koks, ein Brennstoff aus Steinkohle, eingesetzt wird, um dem Eisenerz den Sauerstoff zu entziehen. Bluemint Steel dagegen wird aus speziell aufbereitetem Stahlschrott gewonnen, dem der Sauerstoff schon vor dem Hochofen entzogen worden ist. Dadurch wird dort deutlich weniger Kohle verbraucht. So sinkt die CO₂-Intensität von Bluemint Steel um bis zu 70 Prozent gegenüber klassisch produziertem Stahl.

„Dem fertigen Stahlrohr sieht man die CO₂-Reduktion nicht an", sagt Annika Kroll, Produktmanagerin bei Thyssenkrupp. Genau dieser Stahl kommt nun beim Gestell des „D4 zirkulär" zum Einsatz. Zu großen Spulen aufgerollt, wird er ins Thyssenkrupp-Werk in Krefeld gebracht, dort gespalten und nach vielen weiteren Arbeitschritten zu einem Rohr verschweißt und in Form gebogen. Auch die präzisen Bohrungen werden hier gesetzt. Am Ende entsteht das Grundgerüst aus Stahlrohr, das schließlich bei Tecta zum Sessel zusammengebaut wird.


Damit man auf dem Rahmen auch sitzen kann, braucht es noch eine Bespannung. Während das historisch erste Modell des Sessels, ein Unikat, seinerzeit mit einem Rosshaargewebe des Bauhaus-Möbelgestalters Peter Keler bezogen wurde, bleibt der „D4 zirkulär" in der Welt des Hochofens. Dort, beim sogenannten Abstich, wenn das flüssige Roheisen aus dem Reaktor strömt, wenn sich die Luft erhitzt und Funken durch die dunkle Halle stieben, schützen sich die Arbeiter mit silber glänzenden Schutzanzügen. Hat diese Arbeitskleidung dann irgendwann mal ihren Dienst getan, wird sie von Thyssenkrupp gesammelt, gereinigt und zu Accessoires wie Schürzen oder Rucksäcken verarbeitet. Beim „D4 zirkulär" bekommt das einzigartige Material jetzt auch als Sitzauflage ein zweites Leben.
Die Verantwortlichen des Projekts erhoffen sich davon eine Signalwirkung. „Das ist eine Innovation für die gesamte Branche", sagt Thomas Schnur über den Einsatz eines CO₂-reduzierten Stahlrohrs in der Möbelindustrie. Der neue Standard soll bald auf weitere Entwürfe übertragen werden. Denn wer radikale Nachhaltigkeit zur Vision ausgerufen hat, kann nicht schon nach einem zusammenklappbaren Klubsessel damit aufhören.